Parodontitis: Welche Folgen hat sie für Herz, Gehirn und Körper?

Autorin: Dr. Eva-Maria Prey
Veröffentlicht am: 30. Januar 2023
Zuletzt aktualisiert: 5. Oktober 2026
Die chronische Entzündung des Zahnhalteapparats kann negative Auswirkungen für den gesamten Körper haben. Zahlreiche Studien beschäftigen sich mit den Auswirkungen von einer Parodontitis auf den Körper. Nicht alle liefern belegbare Ergebnisse.
Das Wichtigste in Kürze
Welche Folgen kann eine Parodontitis für den Körper haben?
Unbehandelt führt eine Parodontitis zu Knochenabbau und kann Zähne kosten. Darüber hinaus ist sie mit mehreren Allgemeinerkrankungen verbunden, vor allem mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Auch zu Demenzerkrankungen gibt es Hinweise, diese sind jedoch deutlich weniger gesichert.
Kann Parodontitis einen Herzinfarkt auslösen?
Menschen mit Parodontitis haben ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Dieser Zusammenhang ist gut belegt. Ob die Parodontitis selbst die Ursache ist oder ob gemeinsame Risikofaktoren wie Rauchen und Diabetes dahinterstehen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer?
Beobachtungsstudien zeigen, dass Menschen mit Parodontitis häufiger an Demenz erkranken, und es gibt plausible biologische Erklärungen dafür. Ein ursächlicher Zusammenhang ist bislang nicht belegt.
Senkt eine Parodontitis-Behandlung das Risiko für andere Erkrankungen?
Eine erfolgreiche Behandlung senkt Entzündungswerte und verbessert die Funktion der Blutgefäße. Ob sie dadurch Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Demenz verhindert, ist noch nicht nachgewiesen. Für den Erhalt der Zähne und für Menschen mit erhöhtem Endokarditis-Risiko ist sie in jedem Fall wichtig.
Wer sollte besonders auf Parodontitis achten?
Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mit erhöhtem Risiko für eine Entzündung der Herzinnenhaut (Endokarditis) oder mit Diabetes sowie Raucherinnen und Raucher. Auch wer Eltern oder Großeltern mit Parodontitis hat, sollte sein Zahnfleisch regelmäßig kontrollieren lassen.
Woran erkenne ich eine Parodontitis?
Häufige frühe Warnzeichen sind Zahnfleischbluten, gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch und anhaltender Mundgeruch. Da eine Parodontitis meist nicht schmerzt, wird sie oft erst spät bemerkt. Sicher feststellen lässt sie sich nur bei einer zahnärztlichen Untersuchung.
Parodontitis gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland. Nach der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) leiden rund 14 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen schweren Form. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind zugleich weiterhin die häufigste Todesursache. 2024 starben daran in Deutschland rund 340.000 Menschen.
Ob und wie diese beiden Erkrankungen zusammenhängen, beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Aber: Wenn zwei Erkrankungen häufig gemeinsam auftreten, bedeutet das nicht automatisch, dass die eine die andere verursacht. So sind einige Verbindungen zwischen Parodontitis und anderen Erkrankungen inzwischen sehr gut untersucht. Andere beruhen bislang überwiegend auf Hinweisen und Hypothesen. Deshalb ordnen wir aus zahnärztlicher Sicht ein: Was zeigt die Studienlage tatsächlich? Wo hat die Forschung offene Fragen?
Für die Entscheidung, ob eine Parodontitis behandelt werden sollte, sind diese offenen Fragen allerdings zweitrangig. Denn: Eine Parodontitis ist eine ernste Erkrankung des Zahnhalteapparats. Unbehandelt schreitet sie fort und führt unweigerlich zum Zahnverlust.
Parodontitis und Allgemeingesundheit: Die Grundlagen
Was ist Parodontitis?
Eine Parodontitis ist eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparats. Dazu gehören das Zahnfleisch, die Wurzelhaut, der Wurzelzement und der Kieferknochen, der die Zähne im Kiefer verankert. Auslöser sind bakterielle Beläge (Biofilm), die sich vor allem am Zahnfleischrand und in den Zahnzwischenräumen festsetzen. Einer Parodontitis geht immer eine Zahnfleischentzündung (Gingivitis) voraus.
Verändert sich der bakterielle Biofilm weiter und gerät die Entzündungsreaktion außer Kontrolle, greift das körpereigene Immunsystem bei anfälligen Menschen den Zahnhalteapparat selbst an. Es bilden sich Zahnfleischtaschen, der Knochen um die Zahnwurzeln baut sich ab und die Zähne können sich lockern. Ohne Behandlung schreitet die Erkrankung in der Regel weiter fort.
Gut zu wissen: Seit 2018 wird die Parodontitis nach einer neuen Klassifikation in Stadien (I bis IV, nach Schweregrad) und Grade (A bis C, nach Risiko des Fortschreitens) eingeteilt. Die früher übliche Bezeichnung „chronische Parodontitis“ wird dabei nicht mehr verwendet. Als schwere Parodontitis gelten die Stadien III und IV. Nach der DMS 6 sind davon 17,5 Prozent der jüngeren Erwachsenen und 52,7 Prozent der jüngeren Seniorinnen und Senioren betroffen.
Ist Parodontitis gefährlich für den ganzen Körper?
Für die Mundgesundheit ist die Parodontitis eindeutig gefährlich. Sie ist der Hauptgrund für Zahnverlust bei Erwachsenen. Darüber hinaus zeigen Studien seit Jahren, dass Menschen mit Parodontitis häufiger an bestimmten Allgemeinerkrankungen leiden. Am besten untersucht ist der Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und mit Diabetes. Bei Diabetes beeinflussen sich beide Erkrankungen gegenseitig. Weniger gesichert sind die Hinweise auf Demenzerkrankungen.
Wie hoch das Risiko im Einzelfall ist, hängt vom Schweregrad der Parodontitis, von weiteren Risikofaktoren und von bestehenden Vorerkrankungen ab. Eine unbehandelte Parodontitis bedeutet eine dauerhafte Entzündung im Körper. Allein deshalb sollte sie nicht auf die leichte Schulter genommen werden.
Wie kann eine Parodontitis den Körper beeinflussen?
Die Forschung diskutiert vor allem zwei Wege, auf denen eine Parodontitis über den Mund hinaus wirken kann.
Bakterien in der Blutbahn (Bakteriämie)
Bei einer Parodontitis gelangen Bakterien aus den entzündeten Zahnfleischtaschen leichter in die Blutbahn. Das geschieht nicht nur bei einer Zahnbehandlung, sondern bereits bei alltäglichen Belastungen wie Kauen oder Zähneputzen. Bei gesunden Menschen beseitigt die Körperabwehr diese Bakterien in der Regel innerhalb weniger Minuten. Parodontale Keime wurden in Studien jedoch auch in arteriosklerotischen Ablagerungen der Blutgefäße nachgewiesen. Diese sogenannten Plaques spielen eine wichtige Rolle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und können unter anderem Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstigen.
Allerdings gilt: Der Nachweis der Bakterien in einer solchen Ablagerung beweist noch nicht, dass sie diese verursacht haben. Diskutiert wird vielmehr, ob parodontale Keime und die mit ihnen verbundenen Entzündungsprozesse zur Entstehung oder zum Fortschreiten der Gefäßveränderungen beitragen können.
Dauerhafte Entzündung
Eine Parodontitis ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates. Die dabei ablaufenden Entzündungsprozesse bleiben jedoch nicht zwangsläufig auf die Mundhöhle beschränkt: Bei Menschen mit Parodontitis lassen sich auch Veränderungen systemischer Entzündungsmarker beobachten. Damit gibt es einen biologisch plausiblen Weg, über den die Erkrankung mit der Gefäßgesundheit in Verbindung stehen könnte.
Untersuchungen zeigen zudem, dass Menschen mit Parodontitis häufiger eine sogenannte Endotheldysfunktion aufweisen. Dabei ist die Funktion der innersten Zellschicht unserer Blutgefäße – des Endothels – beeinträchtigt. Eine solche Funktionsstörung spielt bei der Entstehung und Entwicklung von Arteriosklerose eine wichtige Rolle. Diskutiert wird deshalb, ob die mit einer Parodontitis verbundene systemische Entzündungsbelastung zur Beeinträchtigung der Gefäßfunktion und damit möglicherweise auch zu arteriosklerotischen Veränderungen beitragen kann.
Wichtig ist auch hier die Einordnung: Ein Zusammenhang bedeutet noch keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Nachweis. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Parodontitis teilen zudem mehrere Risikofaktoren, darunter beispielsweise Rauchen, Diabetes und Übergewicht. Die Forschung spricht für biologisch plausible Wechselwirkungen, bislang ist jedoch nicht bewiesen, dass eine Parodontitis allein eine Arteriosklerose verursacht.
Ein interessanter Hinweis kommt aus Behandlungsstudien: Nach erfolgreicher Parodontitistherapie können systemische Entzündungsmarker wie CRP und IL-6 sinken und Messwerte der Endothelfunktion sich verbessern. Bislang ist jedoch nicht ausreichend belegt, dass eine Parodontitisbehandlung dadurch auch das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle senkt.
Und welche Rolle spielt Zahnstein?
Zahnstein ist verkalkter Zahnbelag. Er verursacht selbst keine Herzerkrankungen, bietet Bakterien aber eine raue Oberfläche, an der sich neuer Belag leicht festsetzt. Damit fördert er Zahnfleischentzündungen und Parodontitis. Seine regelmäßige Entfernung gehört deshalb zur Vorsorge.
Ist Parodontitis Ursache oder Begleiter anderer Erkrankungen?
Das ist die zentrale Frage, und sie ist noch nicht abschließend beantwortet. Parodontitis und viele Allgemeinerkrankungen haben gemeinsame Risikofaktoren. Rauchen, Diabetes, Übergewicht, Stress und Bewegungsmangel erhöhen sowohl das Risiko für Parodontitis als auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hinzu kommen gemeinsame genetische Varianten. Sie verursachen selbst keine Krankheit, erhöhen aber die Anfälligkeit für beide Erkrankungen.
Treten zwei Erkrankungen häufig gemeinsam auf, kann die eine die andere begünstigen. Ebenso möglich ist, dass beide auf dieselben Ursachen zurückgehen oder dass beides zugleich zutrifft. Für die Praxis bedeutet das: Eine schwere Parodontitis kann ein Warnsignal sein, das einen genaueren Blick auf die allgemeine Gesundheit rechtfertigt.
Parodontitis oder Zahnwurzelentzündung: Was ist der Unterschied?
Im Alltag werden verschiedene Entzündungen im Mund oft als „Zahnentzündung“ zusammengefasst. Medizinisch ist eine Unterscheidung wichtig. Die Parodontitis, um die es in diesem Artikel geht, beginnt am Zahnfleischrand und breitet sich von dort in den Zahnhalteapparat aus. Eine Zahnwurzelentzündung (apikale Parodontitis) entsteht dagegen meist aus dem Zahninneren, etwa wenn Karies bis zum Zahnnerv vorgedrungen ist, und betrifft das Gewebe an der Wurzelspitze. Sie wird in der Regel mit einer Wurzelbehandlung therapiert. Die in diesem Artikel beschriebenen Studien beziehen sich auf die Parodontitis am Zahnfleischrand.
Parodontitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Erhöht Parodontitis das Risiko für einen Herzinfarkt?
Ja. Nach heutigem Wissensstand haben Menschen mit Parodontitis ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und andere arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Europäische Föderation für Parodontologie (EFP) und die World Heart Federation haben die Studienlage 2019 gemeinsam ausgewertet. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass es starke epidemiologische Belege für ein erhöhtes Risiko gibt. Ihre Empfehlung lautet, Patient:innen mit Parodontitis über dieses erhöhte Risiko aufzuklären.
Wie stark das Risiko steigt, lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Die Ergebnisse einzelner Studien unterscheiden sich je nach Definition der Parodontitis, untersuchter Bevölkerungsgruppe und Studiendesign deutlich. Es handelt sich um ein erhöhtes Risiko und keine zwangsläufige Folge.
Offen bleibt die Frage nach der Ursache. Es lässt sich nicht ausschließen, dass gemeinsame Risikofaktoren einen Teil des Zusammenhangs erklären. Bewiesen ist umgekehrt auch nicht, dass die Parodontitis einen Herzinfarkt direkt mitverursacht.
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Parodontitis und Schlaganfall?
Auch für Schlaganfälle zeigen Studien ein erhöhtes Risiko. Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse von Beobachtungsstudien ergab, dass Menschen mit Parodontitis in Langzeitstudien ein um rund 50 Prozent höheres Schlaganfallrisiko hatten als Menschen ohne Parodontitis. Am deutlichsten war der Zusammenhang bei ischämischen Schlaganfällen, also solchen, die durch den Verschluss eines Blutgefäßes entstehen.
Was ist eine Endokarditis und wer ist besonders gefährdet?
Die Endokarditis ist eine Entzündung der Herzinnenhaut. Ihr Verlauf reicht von kaum spürbaren Beschwerden bis zu akut lebensbedrohlichen Zuständen. In den meisten Fällen sind Bakterien aus der Mundhöhle beteiligt. Gefährdet sind vor allem Menschen, deren Herzinnenhaut bereits vorgeschädigt ist. Dazu zählen etwa Menschen mit künstlichen Herzklappen, mit bestimmten angeborenen Herzfehlern oder nach einer früheren Endokarditis.
Bei ihnen können sich Bakterien, die über eine Bakteriämie ins Blut gelangen, an der geschädigten Herzinnenhaut ansiedeln. Menschen mit besonders hohem Risiko erhalten deshalb vor bestimmten zahnärztlichen Eingriffen vorbeugend ein Antibiotikum. Vor den alltäglichen Bakteriämien beim Kauen und Zähneputzen schützt das jedoch nicht.
Umso wichtiger ist für diese Menschen ein entzündungsfreier Mund. Laut DG PARO senkt eine sorgfältige Parodontitis-Therapie mit anschließender engmaschiger Nachsorge nachweislich das Alltagsrisiko für Bakteriämien. Wer ein erhöhtes Endokarditis-Risiko hat, sollte seine Zahnarztpraxis bei jedem Besuch darüber informieren.
Senkt eine Parodontitis-Behandlung das Herz-Kreislauf-Risiko?
Diese Frage ist für viele Betroffene die wichtigste. Nach aktuellem Stand ist sie nicht eindeutig zu beantworten. Als gesichert gilt, dass die erfolgreiche Behandlung einer Parodontitis Effekte in der Blutbahn und an den Gefäßen erzeugt, die nach heutigem Kenntnisstand mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung stehen.
Welche Rolle spielen Herzmedikamente für Zähne und Zahnfleisch?
Viele Herz- und Blutdruckmedikamente wirken sich auch auf den Mundraum aus.
• Mundtrockenheit: Zahlreiche Medikamente verringern die Speichelproduktion. Speichel schützt die Zähne vor Säureangriffen, bildet einen Schutzfilm auf den Schleimhäuten und enthält antibakterielle Bestandteile. Fehlt er, steigt das Risiko für Karies und Parodontitis deutlich.
• Zahnfleischwucherungen: Bestimmte Herzmedikamente können dazu führen, dass das Zahnfleisch wuchert, vor allem wenn gleichzeitig eine Zahnfleischentzündung besteht. In den meisten Fällen reichen eine zahnärztliche Behandlung der Entzündung und eine gute Mundhygiene aus, damit sich die Wucherungen zurückbilden
• Gerinnungshemmer: Nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall werden häufig blutverdünnende Medikamente verordnet. Bei einer bestehenden Zahnfleischentzündung blutet das Zahnfleisch dann beim Putzen stärker. Wer daraufhin weniger gründlich putzt, verstärkt die Entzündung und damit auch die Blutungsneigung. Sinnvoller ist es, die Entzündung zahnärztlich behandeln zu lassen und die Zahnpflege beizubehalten
Wichtig: Setzen Sie verordnete Medikamente nie eigenständig ab. Sprechen Sie Beschwerden im Mund stattdessen in Ihrer Hausarzt- oder Zahnarztpraxis an.
Sollte ich bei Parodontitis gleichzeitig meine Herzgesundheit prüfen lassen?
Eine Parodontitis allein ist kein Grund für einen Termin in der kardiologischen Praxis. Sinnvoll ist es aber, die bekannten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Blutdruck, Blutfette, Blutzucker und Körpergewicht hausärztlich prüfen zu lassen, wenn das länger nicht geschehen ist. Die DG PARO empfiehlt, dass Patient:innen, Zahnarztpraxen und Hausarzt- beziehungsweise kardiologische Praxen eng zusammenarbeiten, sobald eine der beiden Erkrankungen festgestellt wird.
Umgekehrt gilt: Wer eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, sollte sein Zahnfleisch regelmäßig untersuchen lassen und die Zahnarztpraxis über Diagnose und Medikamente informieren. Beide Erkrankungen verursachen anfangs oft keine Beschwerden und werden deshalb häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt.
Parodontitis und Alzheimer: Was die Forschung zeigt
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer?
Demenzerkrankungen nehmen in Deutschland zu. 2024 wurden 61.927 Sterbefälle durch eine Demenzerkrankung verursacht – 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache einer Demenz. Entsprechend groß ist das Interesse an Risikofaktoren, die sich beeinflussen lassen.
Beobachtungsstudien zeigen, dass Menschen mit Parodontitis häufiger eine Demenz entwickeln. Das Problem: Die Studien können nicht klären, was Ursache und was Folge ist. So fällt Menschen mit beginnender Demenz die Mundpflege zunehmend schwer. Eine Parodontitis kann also eine Folge der Demenz sein.
Können Parodontitis-Bakterien ins Gehirn gelangen?
Hinweise darauf gibt es. 2019 berichtete ein internationales Forschungsteam, im Gehirn verstorbener Alzheimer-Patient:innen häufiger Spuren des Parodontitis-Bakteriums Porphyromonas gingivalis gefunden zu haben als bei Menschen ohne Alzheimer. Nachgewiesen wurden auch sogenannte Gingipaine, gewebeschädigende Enzyme dieses Bakteriums. In Tierversuchen lösten die Keime Veränderungen aus, wie sie für Alzheimer typisch sind. Auch für andere Mundbakterien wie Fusobacterium nucleatum gibt es Tierstudien, die auf einen Einfluss auf Entzündungsprozesse im Gehirn hindeuten.
Diese Befunde sind biologisch plausibel, beweisen aber nicht, dass die Bakterien Alzheimer auslösen. Denkbar ist auch der umgekehrte Weg: Keime gelangen leichter ins Gehirn, wenn die Erkrankung bereits begonnen hat. Zudem lassen sich Ergebnisse aus Tierversuchen nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen.
Daher ist nach aktuellem Stand auch nicht belegt, ob Parodontitis Alzheimer auslösen kann. Mehrere Studien fanden bislang keinen ursächlichen Zusammenhang, so dass die Aussage „Parodontitis verursacht Alzheimer“ durch die Forschung derzeit nicht gedeckt werden kann.
Kann eine Parodontitis-Behandlung vor Demenz schützen?
Nachgewiesen ist das nicht. Es gibt aber einen interessanten Hinweis aus Deutschland. Forschende der Universitätsmedizin Greifswald verglichen 2021 Daten von 177 Menschen, die wegen einer Parodontitis systematisch behandelt worden waren, mit Daten von 409 unbehandelten Erkrankten. Als Maß diente der für Alzheimer typische Verlust an Hirnsubstanz im MRT. Bei den behandelten Personen fiel dieser Verlust geringer aus. Die Forschenden bewerten den Effekt als moderat bis stark. Die Teilnehmenden waren bei der MRT-Untersuchung jünger als 60 Jahre, zwischen Behandlung und Untersuchung lagen im Mittel 7,3 Jahre.
Die Aussagekraft der Studie hat Grenzen. Es handelt sich nicht um eine klassische kontrollierte Studie, sondern um ein statistisches Verfahren, das eine solche Studie mit vorhandenen Daten nachbildet. Gemessen wurden Veränderungen im Gehirn, keine Demenzdiagnosen. Ob die Behandlung das Risiko senkt, an Demenz zu erkranken, lässt sich daraus nicht ableiten.
Zahnpflege bei Demenz: Worauf sollten Angehörige achten?
Unabhängig von der Frage nach der Ursache wird die tägliche Mundpflege mit fortschreitender Demenz schwieriger. Betroffene vergessen das Zähneputzen, können die Handgriffe nicht mehr sicher ausführen oder Schmerzen nicht mehr mitteilen. Entzündungen im Mund bleiben dadurch leicht unbemerkt.
Tipps für Angehörige und Pflegende:
- Selbstständigkeit erhalten: Solange es möglich ist, sollten Betroffene selbst putzen. Angehörige können daran erinnern, die Schritte anleiten und bei Bedarf nachputzen
- Feste Abläufe: Gleiche Uhrzeit, gleicher Ort und gleiche Reihenfolge erleichtern die Mundpflege
- Hilfsmittel nutzen: Zahnbürsten mit verdicktem Griff oder elektrische Zahnbürsten können die Handhabung erleichtern
- Zahnersatz täglich reinigen: Herausnehmbare Prothesen sollten täglich gereinigt und die Mundschleimhaut darunter kontrolliert werden
- Auf Warnzeichen achten: Verweigert eine betroffene Person plötzlich das Essen, fasst sich an die Wange oder wirkt ungewohnt unruhig, kann ein Problem im Mund dahinterstecken
- Kontrollen fortführen: Zahnärztliche Kontrollen sollten auch bei fortgeschrittener Demenz weiterlaufen. Für pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Beeinträchtigung gibt es seit Juli 2021 eine angepasste, niedrigschwellige Parodontitis-Behandlung
Parodontitis und weitere Erkrankungen
Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz wird Parodontitis mit weiteren Allgemeinerkrankungen in Verbindung gebracht.
Diabetes mellitus
Zwischen Parodontitis und Diabetes besteht eine Wechselwirkung. Ein schlecht eingestellter Blutzucker erhöht das Risiko für Parodontitis und kann ihren Verlauf beschleunigen. Umgekehrt kann eine Parodontitis die Einstellung des Blutzuckers erschweren.
Rheumatische Erkrankungen
Auch für rheumatische Erkrankungen nennt die KZBV einen Einfluss der Parodontitis. Beide Erkrankungen gehen mit chronischen Entzündungsprozessen einher.
Stress und Psyche
Psychischer Stress schwächt die Abwehrkräfte und kann den Verlauf einer Parodontitis beschleunigen.
Parodontitis erkennen und vorbeugen
Woran erkenne ich eine Parodontitis?
Eine Parodontitis schmerzt meist nicht und wird deshalb oft erst spät bemerkt. Erste Warnzeichen treten aber häufig früh auf: Zahnfleischbluten beim Putzen oder Kauen, gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch und anhaltender Mundgeruch. Später können Zahnfleischrückgang, empfindliche Zahnhälse und lockere Zähne hinzukommen.
Bei Raucherinnen und Rauchern fehlt oft das wichtigste Warnzeichen, denn Rauchen verengt die Blutgefäße und unterdrückt so das Zahnfleischbluten. Sicher feststellen lässt sich eine Parodontitis nur in der Zahnarztpraxis, zum Beispiel mit dem Parodontalen Screening-Index (PSI) bei der Kontrolluntersuchung.
Wie lässt sich das Risiko senken?
Eine bestehende Parodontitis lässt sich mit einer systematischen Behandlung in der Regel zum Stillstand bringen. Diese Behandlung ist seit 2021 eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Entscheidend für den Erfolg ist die anschließende Nachsorge.
Vorbeugen lässt sich vor allem durch…
- Zweimal täglich gründliches Zähneputzen inkl. Reinigung der Zahnzwischenräume
- Regelmäßige Kontrollen in der Zahnarztpraxis
- Professionelle Zahnreinigung
- Verzicht auf Rauchen
- Ein gut eingestellter Blutzucker bei Diabetes
Besonders wichtig ist eine engmaschige Kontrolle für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erhöhtem Endokarditis-Risiko oder Diabetes sowie bei familiärer Vorbelastung. Informieren Sie Ihre Zahnarztpraxis über Vorerkrankungen und Medikamente, damit sich die Vorsorge auf Ihr persönliches Risiko abstimmen lässt.
Fazit: Welche Rolle spielt Parodontitis für die Gesundheit?
Eine Parodontitis ist zunächst eine Erkrankung des Zahnhalteapparats, die unbehandelt fortschreitet und zu Zahnverlust führen kann. Darüber hinaus ist sie gut belegt mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden. Ob sie diese Erkrankungen mitverursacht, ist noch nicht abschließend geklärt. Für Alzheimer gibt es interessante Hinweise, einen Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang aber bislang nicht.
Unser Rat aus der Praxis: Lassen Sie sich von offenen Forschungsfragen nicht verunsichern, nehmen Sie aber die Warnzeichen ernst. Zahnfleischbluten ist kein harmloser Alltagsbefund, sondern oft das erste Zeichen einer Entzündung. Wird eine Parodontitis früh erkannt und konsequent behandelt, lässt sie sich zum Stillstand bringen. Wenn Sie eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Diabetes haben oder regelmäßig Medikamente einnehmen, informieren Sie Ihre Zahnarztpraxis darüber. So lässt sich Ihre Vorsorge gezielt auf Ihr persönliches Risiko abstimmen.
Wenn Sie Anzeichen einer Parodontitis bemerken oder zu einer der genannten Risikogruppen gehören, sprechen Sie uns gerne am Lieblings-Praxis-Standort Ihrer Wahl an. Gemeinsam prüfen wir den Zustand Ihres Zahnfleischs und besprechen, welche Vorsorge oder Behandlung in Ihrem Fall sinnvoll ist.
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